Münchhausen am Wannsee

Mein großes Jahresprojekt, die CeBIT, ging letzten Freitag einigermaßen erfolgreich zu Ende und jetzt beginnt für mich die eigentlich angenehmste Zeit des Jahres. Der Frühling kommt, die Menschen bekommen wieder bessere Laune und tragen freundlichere Farben. Und ich, ich habe den Kopf frei und darf und kann nachdenken. Und habe Zeit für anderes.

Als erstes habe ich mir bei ebay ein schönes Buch für meine Paul-Scheerbart-Sammlung gekauft: die Erstausgabe von „Münchhausen und Clarissa. Ein Berliner Roman“, erschienen 1906 im Berliner Oesterheld und Co. Verlag, erfreulicherweise sogar im selteneren Leinen-Einband. Bezahlt habe ich dafür gerade einmal 52 Euro, in diesem Erhaltungszustand kostet die Leinen-Ausgabe sonst mindestens das Dreifache. Weiterlesen

Suche nach verlorenen Gräbern

In vier Wochen beginnt die CeBIT und mit wachsender Nervosität sinkt gleichzeitig meine intellektuelle Fähigkeit, mich produktiv mit anderen Themen zu beschäftigen. Daher wird mein Blog in den nächsten vier Wochen nur sporadisch bespielt. Gleichwohl habe ich gestern Abend, angeregt durch Recherchen zu John Cornford (über den ich einen längeren Text plane), auf Youtube nach Videos zu den Internationalen Brigaden gesucht.imageIch möchte Euch hier eines meiner gestrigen Fundstücke empfehlen, eine kanadische Dokumentation, die sich mit einem Aspekt befasst, den ich in meinen ersten Beiträgen zu den Internationalen Brigaden schon habe anklingen lassen: das vollständige und spurlose Verschwinden von Menschen, die für das Gute und Richtige einstanden, damit aber auf der Seite der Verlierer standen. Der Film macht sich auf die Suche nach den Gräbern der gefallenen kanadischen Freiwilligen der XV. Internationalen Brigade. Um es vorwegzunehmen: er hat sie nicht gefunden.

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Nebensaison

Eine Mietangelegenheit brachte mich kurzfristig heute an die Ostsee nach Fehmarn. Anfang Februar ist gewiss keine typische Reisezeit für einen Ausflug an die See. Kalt und windig und menschenleer ist es jetzt hier. Die Insel erholt sich, kümmert sich um sich selbst und bereitet sich vor auf die Osterferien. Die Restaurants und Cafés sind fast alle noch geschlossen und nur wenige Reisende treffen sich am Strand. Melancholische Stimmung begleitet mich beim langen Spaziergang durch den Hafen und entlang des Südstrand.image

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Kein Bedarf nach Erfrischungen.

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Wer war Willi Gölkel?

Über mein großes Interesse am wechselvollen Schicksal der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg habe ich in einem früheren Post bereits kurz berichtet. Im Schicksal der Internationalen Brigaden verdichten sich für mich die Größe und das vielfältige Scheitern der europäischen Idee in weniger als zwei Jahren Bürgerkrieg. Neben der intensiven Lektüre zum Thema trage ich zusammen, was ich an Originaldokumenten finde – sofern ich sie denn bezahlen kann. Schon einfache Briefumschläge, die sich den Internationalen Brigaden zuordnen lassen, sind in der Regel nicht unter 100 Euro zu bekommen – es gibt einfach nur sehr wenig Originalmaterial. Von einzelnen Bataillonen sind weltweit überhaupt nur drei, vier Dokumente bekannt.
imageKürzlich konnte ich für meine Sammlung den ersten Umschlag ersteigern, den ich eindeutig einem der wohl knapp 5.000 deutschen Kämpfer zuordnen konnte. Anders als bei den meisten Briefen hat der Absender seinen vollen Namen angegeben: Willi Gölkel. Als Anschrift gibt er das Hauptquartier der Internationalen Brigaden am Plaza Altozano in Albacete an, ein damals durchaus übliches Verfahren. Das S.R.I. steht dabei für Socorro Rojo International (Internationale Rote Hilfe), eine wesentlich von der Kommunistischen Internationale getragene Wohlfahrtsorganisation. Die darauffolgende Zahl 11 verweist auf die mehrheitlich deutschsprachige XI. Internationale Brigade (Thälmann-Brigade). Zuletzt folgt ein weiteres handschriftliches Zeichen, das ich nicht sicher entschlüsseln kann; sehr wahrscheinlich ist es aber eine römische Vier (IV), ein Hinweis auf die Zugehörigkeit zum vierten Bataillon dieser Brigade, dem Bataillon 12. Februar, das überwiegend aus Österreichern bestand. Weiterlesen

Lebenszeichen (1): Post aus Piaski

Vor mir liegt ein unscheinbares Stück Papier. Eine Postkarte, geschrieben am 21. September 1941 in Piaski, einer Kleinstadt im damals besetzten Polen, adressiert an die Bewohnerin eines Hamburger Altersheims. Für Philatelisten ist die Karte völlig uninteressant – keine seltene Frankatur, keine ungewöhnlichen Stempel. Der Sammlerwert der Postkarte (Katalognummer „Generalgouvernement P10“) beträgt zehn Euro, ein Briefmarkenhändler kann dafür allenfalls die Hälfte verlangen. Doch wer den schwer lesbaren Text entziffert und den historischen Kontext berücksichtigt, entdeckt ein zeitgeschichtlich bewegendes Zeugnis.

imageIm Juli 2010 verlegte der Künstler Gunter Demnig zwei von mir gestiftete Stolpersteine, die an die Berliner Jüdin Else Ellendmann und ihren Sohn Peter erinnern. Beide wohnten bis 1942 im Grünen Weg 15 in Berlin-Wannsee, keine 500 Meter entfernt von dem Haus, in dem ich heute lebe. Ich hatte bis dahin keinerlei persönlichen Bezug zur Familie Ellendmann, es war allein die geographische Nähe zum eigenen Lebensort, die mich veranlasste, die beiden Stolpersteine zu beauftragen. Im Internet hatte ich herausgefunden, dass die damals 27jährige Mutter und ihr vierjähriger Sohn am 28. März 1942 zusammen mit 983 anderen Berliner Juden und Jüdinnen ins Ghetto Piaski deportiert wurden. Der sogenannte „11. Berliner Judentransport“ erreichte sein Ziel am 30. März 1942. Das sind die letzten gesicherten Daten aus dem Leben von Else und Peter Ellendmann. Was danach mit ihr und ihrem Sohn passierte, ob sie den Eisenbahntransport überhaupt überlebten, ist unbekannt. Offiziell gelten beide heute – ohne Angabe eines genauen Todesdatums – als in Piaski ermordet. Weiterlesen

Hinweis auf Paul Scheerbart

Kürzlich las ich das Bonmot, dass Paul Scheerbart der Autor sei, von dem jeder wisse, dass ihn niemand kenne. Schon 1909 bezeichnete ihn Hanns Heinz Ewers als den „am wenigsten gelesene[n] aller lebenden deutschen Autoren“. Auch wenn beides übertrieben ist: In jedem Fall ist Paul Scheerbart ein Solitär in der deutschen Literaturgeschichte, der sich mit seinen verschrobenen, märchenhaften, oftmals aber auch visionären Texten keinem gängigen Ismus zuordnen lässt.

Einige Scheerbart-Ausgaben aus meiner Bibliothek.

Schon zu Lebzeiten war Paul Scheerbart eher ein in der Literaturszene bekannter Charakter als ein gelesener, geschweige denn erfolgreicher Schriftsteller. Keines seiner Bücher erreichte hohe Auflagen, meist wurden keine zweitausend Exemplare abgesetzt, oft nur wenige hundert. Und auch heute ist Scheerbart weniger für seine phantasiereichen, gelegentlich orientalisch angehauchten Romane bekannt, wie z.B. Tarub, Bagdads berühmte Köchin. Ein arabischer Kulturroman von 1897. Auch nicht für die Bücher, die auf Kometen oder anderen Himmelskörpern spielen – als bekanntester darunter der Asteroiden-Roman Lesabéndio von 1913. Vielmehr schätzt man ihn heute als einen der ersten Schriftsteller, die bahnbrechende technologische Entwicklungen weitergedacht haben. Weiterlesen

Hinweis auf Else Lasker-Schüler

Warum hinweisen auf Else Lasker-Schüler, die wahrscheinlich bekannteste und meistbesprochene deutsche Lyrikerin des 20. Jahrhunderts? Es gibt zahlreiche Biografien und etliche Ausgaben ihrer Werke bei renommierten Verlagen (neben den Gedichten auch Romane, Erzählungen, Dramen und Zeichnungen). Doch nie war es so einfach, Else Lasker-Schüler zu lesen: Seit gestern sind ihre Werke gemeinfrei.

imageElse Lasker-Schüler ist längst eine legendäre Figur der deutschen Literatur. Leitfigur der Berliner Bohème vor dem ersten Weltkrieg, leidenschaftlich lebend, emanzipiert, extravagant, sensibel, ständig pleite, dabei mit nahezu allen Größen aus Kunst und Literatur ihrer Zeit bekannt, liiert – oder verfeindet. Lebensgefährtin von Gottfried Benn und Herwarth Walden, Korrespondentin eines mittlerweile weltberühmten grafisch-literarischen Briefwechsels mit Franz Marc. Ihre Werke erscheinen in den renommiertesten Zeitschriften und Verlagen der Weimarer Republik. Als Jüdin muss sie 1933 aus Berlin in die Schweiz flüchten, später zieht es sie weiter nach Palästina. Sie stirbt am 16. Januar 1945 in Jerusalem.

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Warum ich #Kaltland für einen schlechten Hashtag halte

Deutschland wird 2015 allen Schätzungen nach rund eine Million Flüchtlinge aufnehmen. Vor genau einem Jahr konnte diese Zahl wohl niemand vorausahnen. Deutschland hat diese gewaltige humanitäre  Aufgabe insgesamt gut bewältigt – vor allem dank seiner extrem hilfsbereiten Bevölkerung. Deutschland 2015 war ein Warmland, gewiss kein Kaltland.

imageIch glaube nicht an 100%-Gesellschaften. Keine Nation wird jemals zu irgendeinem Punkt eine einheitliche Meinung haben. Menschen sind verschieden – verschieden intelligent, verschieden gebildet, verschieden erfahren. So bitter es klingt: In jeder Gesellschaft wird es immer mindestens 5% Drecksäcke geben – Leute, deren Worte und Taten wir verabscheuen und gegen die wir Farbe bekennen müssen.

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Mein Frieden mit Fulda

Seit einigen Jahren fliehen wir an Weihnachten aus Berlin. In diesem Jahr der Entschluss, nach Fulda zu fahren: die Stadt, die mein Pass als mein Geburtsort ausweist, in der ich aber niemals lebte und die ich eher verleugnete. Was findet man in der Stadt, in der die eigene Mutter aufwuchs, man selbst aber allenfalls die Großeltern besuchte. Heimat vielleicht?

Fuldas Dom mit der Michaeliskirche.

Berühmte Silhouette: Fuldas Dom mit der Michaeliskirche (re.).

Im Bahnhof erschrecke ich noch angesichts dessen Banalität, doch schon der Vorplatz, mir noch als vielbefahrene Zubringerstraße in Erinnerung, ist heute längst verkehrsberuhigtes Entree einer Geschäftsstraße mit angenehm kleinstädtischem Charme. Der Weihnachtsmarkt auf dem nahegelegenen Universitätsplatz mit viel lokalem Kunsthandwerk und ganz ohne den sonst so gefürchteten Ramsch. Ich schaue mich um. Ambitionierte Neubauten, wo früher lieblose Zweckarchitektur der Fünfziger und Sechziger Jahre stand. Die Altbauten meist aufwändig saniert. Viel kleiner Einzelhandel, kaum Fillialketten. Natürlich gibt es hier und da noch etwas zu tun. Doch im Vergleich zu den Erinnerungen an meine Fulda-Besuche aus den Achtziger und Neunziger Jahren ist die Veränderung zum Guten kaum zu übersehen.

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Hinweis auf Gunther Tietz

Im Juni 1993 verstarb in Berlin kurz nach seinem 32. Geburtstag der Schriftsteller Gunther Tietz an AIDS. Ich habe ihn nie kennengelernt. Das hätte ich gerne, schrieb er doch die Bücher, die ich damals gerne geschrieben hätte.

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Im Tagesspiegel las ich 1991 oder 1992 eine Buchkritik, die mich neugierig machte. Ein junger Autor, Gunther Tietz, nur unwesentlich älter als ich, beschrieb in seinem Roman Kartoffel is Kartoffel das studentische West-Berlin der Achtziger Jahre. Der Kritiker verglich dessen Schreibstil mit Franz Hessel und Christopher Isherwood, damals wie heute Herrscher in meinem literarischen Olymp.

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