Abnehmen für Einsteiger

Thomas und Hiroshi Ishiguro.

Beim Erinnerungsfoto auf der CeBIT mit Robotik-Legende Hiroshi Ishiguro ist die Plautze weg. Nur das Hemd wirkt etwas weit.

Am 3. Dezember 2016 kaufte ich mir eine Waage. Ich hatte mich zuvor über Jahre nicht gewogen, doch zuletzt den Eindruck gewonnen, dass ich – möglicherweise – ein wenig zugenommen hätte. So überraschte ich mich immer häufiger dabei tief Luft zu holen, wenn ich fotografiert wurde. Tat ich das nicht, waren die entstandenen Fotografien häufig „unvorteilhaft getroffen“. Die neue Waage sollte endlich Klarheit schaffen. Ich schätzte mich vielleicht auf 88 Kilo. Die Waage korrigierte diese Vermutung unerbittlich auf 95. Daraufhin beschloss ich abzunehmen. Bis zum Beginn der CeBIT am 20. März 2017 wollte ich auf 87 Kilo runter, im Stillen liebäugelte ich sogar mit der 84. Das wäre dann die „Körpergröße minus Hundert“. Abnehmen also – nur wie? Eine Kollegin empfahl mir, ab dem Nachmittag auf Kohlenhydrate zu verzichten, das helfe garantiert. Da mir gerade nichts Besseres einfiel, beschloss ich, diesem Rat zu folgen. Weiterlesen

In Belzec

Unsere erste Station ist das ehemalige Arbeitslager. Wir stehen auf einem weitläufigen, mit Gräsern kniehoch überwucherten Grundstück. Am hinteren Ende eine lang gestreckte, baufällige Baracke. 1940 gab es hier bereits ein Arbeitslager für Juden sowie Sinti und Roma, darunter auch Menschen aus Bremen und Hamburg. Zwei Jahre, bevor nicht weit von hier die Vergasungen im monströsen Todeslager beginnen, müssen bis zu 1.000 Menschen unter unwürdigen Bedingungen in dieser primitiven Baracke hausen, um an der nahe gelegenen russischen Grenze Befestigungen auszuheben. Viele Häftlinge kommen dabei um. Nichts erinnert heute mehr an sie. „Mebla“ steht heute an der Außenwand der Baracke, die nach dem Krieg ein Möbelhändler nutzte.

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Das ehemalige Arbeitslager in Belzec. Der aus Hamburg stammende Häftling Gustav Weiss berichtet, dass allein in der Woche seiner Ankunft 1940 mehr als 70 Kinder starben. Vor Ort findet sich heute kein Hinweis auf die Geschichte dieses Ortes.

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Kein Platz für 26.000 Menschen

imageWir halten am Eingang eines Gewerbegebiets am Stadtrand von Lublin. Unser Ziel ist der sogenannte „Umschlagplatz“, der Ort, von dem die SS zwischen März und April 1942 26.000 Lubliner Juden nach Belzec in den Tod deportierte. Auf dem Weg dahin passieren wir alte Industrieruinen. Dazwischen Kleinbetriebe in Flachbauten. Grau dominiert überall. Nach einigen hundert Metern geht es plötzlich durch Dickicht einen Trampelpfad entlang, bis wir auf einem überraschend kleinen Platz stehen. Auf der einen Längsseite begrenzen die Ziegelmauern einer alten Werkstatt den Raum, auf der anderen Seite eine Betonpalisade neueren Datums. Weiterlesen

Tage in Tokio

imageDie Arbeit führte mich im Juni nach Tokio, das zweite Mal schon nach vergangenem Oktober. Ich war sehr gespannt auf diese vielen vermeintlichen Brüche zwischen fremder Tradition und radikaler Moderne. In Tokio selbst war ich überrascht: da ist die Stadt bei aller Größe dann doch erlernbarer als erwartet. So sehr, dass ich sogar mein GPS-Navigationsgerät während eines langen Stadtspaziergangs auf einer Parkbank im kaiserlichen Garten liegen ließ und den Verlust erst nach meiner Rückkehr in Berlin bemerkte.

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Viel zu spät! Meine Highlights der re:publica

Zwei Wochen ist es nun her, dass die re:publica 2016 zu Ende ging und damit kommt dieser kurze persönliche Rückblick eigentlich viel zu spät. Nun habe ich ihn dennoch geschrieben, denn eigenartig ruhig waren diese vierzehn Tage bislang. Täuscht es mich oder sorgte die re:publica früher für längeren medialen Nachhall? 15 Vorträge habe ich an zwei Tagen gehört – das ist bei siebzehn parallel bespielten Bühnen nur ein Bruchteil des Gesamtprogramms. Doch diese subjektive Auswahl – ich muss es so offen sagen – hat mich in ihrer Gesamtheit eher enttäuscht. Wenig Neues, wenig Gewagtes, wenig Überraschendes. Im Durchschnitt würde ich die Qualität „meiner“ Vorträge mit einer Drei bewerten – und damit weit weniger wohlwollend als die Vorträge der Vorjahre. Doch es gab auch Ausreißer: drei Beiträge haben mir gut gefallen, über einen habe ich mich besonders geärgert. Weiterlesen

Der vielleicht letzte Zeuge

Am 3. April 2016 verstarb im Alter von 95 Jahren Jules Schelvis, der möglicherweise letzte Überlebende des Vernichtungslagers Sobibor. Doch obwohl der Augenzeuge Jules Schelvis das wohl wichtigste Buch über Sobibór schrieb, hat ihn kaum eine deutsche Zeitung gewürdigt. So erfuhr ich erst jetzt eher zufällig vom Tod 

imageJules Schelvis, 1921 in Amsterdam geboren, wurde gemeinsam mit seiner Frau und über 3.000 weiteren Menschen im Mai 1943 über Westerbork nach Sobibór deportiert. Dort wurde er mit 80 weiteren Männern als sogenannter Arbeitshäftling selektiert, nach wenigen Stunden konnte er Sobibór wieder verlassen. Alle anderen Deportierten wurden unmittelbar nach Ankunft durch Gas ermordet. Durch den Zufall der Selektion überlebte Jules Schelvis als einziger seines Transports und als einer von wohl weniger als 100 Menschen überhaupt das Vernichtungslager Sobibór, in dem bis Kriegsende bis zu 250.000 Menschen ermordet wurden. Weiterlesen

Gedanken zu Brüssel

Am Morgen des 1. März dieses Jahres stieg ich an der Metro-Station Maelbeek aus, um mit einem Arbeitskollegen im gegenüber gelegenen Thon Hotel EU einen Termin bei der Europäischen Kommission vorzubereiten. Maelbeek ist kein schöner Bahnhof, auch wenn er vor kurzem hell gefliest und mit fröhlichen comic-ähnlichen Strichzeichnungen dekoriert wurde. Die Ausgänge sind jedoch eng und dunkel und enden niedrig im Erdgeschoss übler Betonbauten aus den Sechziger oder Siebziger Jahren. Aber das konnte man ja jetzt im Fernsehen gut sehen.

Das Thon Hotel EU hingegen ist ein freundliches Hotel in bunten Farben, in dem wir dann eine Dreiviertelstunde zusammensaßen, uns besprachen und immer wieder einen Blick auf die gut gelaunten auscheckenden EU-Touristen warfen – aufgeregte Besuchergruppen aus vielen Ländern und wichtige Damen und Herren in dunklen Kostümen und Anzügen. Als es dann Zeit wurde, brachen wir auf, überquerten die Rue de la Loi und stiegen wieder in Maelbeek in die Metro M5 Richtung Hermann Debroux. Vorgestern berichtete mir mein Kollege, der die Detonation im Bahnhof in seinem nahe gelegenen Büro hörte, dass die Lobby eben dieses Hotels am 22. März zur notdürftigen Krankenstation wurde.

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Suche nach verlorenen Gräbern

In vier Wochen beginnt die CeBIT und mit wachsender Nervosität sinkt gleichzeitig meine intellektuelle Fähigkeit, mich produktiv mit anderen Themen zu beschäftigen. Daher wird mein Blog in den nächsten vier Wochen nur sporadisch bespielt. Gleichwohl habe ich gestern Abend, angeregt durch Recherchen zu John Cornford (über den ich einen längeren Text plane), auf Youtube nach Videos zu den Internationalen Brigaden gesucht.imageIch möchte Euch hier eines meiner gestrigen Fundstücke empfehlen, eine kanadische Dokumentation, die sich mit einem Aspekt befasst, den ich in meinen ersten Beiträgen zu den Internationalen Brigaden schon habe anklingen lassen: das vollständige und spurlose Verschwinden von Menschen, die für das Gute und Richtige einstanden, damit aber auf der Seite der Verlierer standen. Der Film macht sich auf die Suche nach den Gräbern der gefallenen kanadischen Freiwilligen der XV. Internationalen Brigade. Um es vorwegzunehmen: er hat sie nicht gefunden.

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Wer war Willi Gölkel?

Über mein großes Interesse am wechselvollen Schicksal der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg habe ich in einem früheren Post bereits kurz berichtet. Im Schicksal der Internationalen Brigaden verdichten sich für mich die Größe und das vielfältige Scheitern der europäischen Idee in weniger als zwei Jahren Bürgerkrieg. Neben der intensiven Lektüre zum Thema trage ich zusammen, was ich an Originaldokumenten finde – sofern ich sie denn bezahlen kann. Schon einfache Briefumschläge, die sich den Internationalen Brigaden zuordnen lassen, sind in der Regel nicht unter 100 Euro zu bekommen – es gibt einfach nur sehr wenig Originalmaterial. Von einzelnen Bataillonen sind weltweit überhaupt nur drei, vier Dokumente bekannt.
imageKürzlich konnte ich für meine Sammlung den ersten Umschlag ersteigern, den ich eindeutig einem der wohl knapp 5.000 deutschen Kämpfer zuordnen konnte. Anders als bei den meisten Briefen hat der Absender seinen vollen Namen angegeben: Willi Gölkel. Als Anschrift gibt er das Hauptquartier der Internationalen Brigaden am Plaza Altozano in Albacete an, ein damals durchaus übliches Verfahren. Das S.R.I. steht dabei für Socorro Rojo International (Internationale Rote Hilfe), eine wesentlich von der Kommunistischen Internationale getragene Wohlfahrtsorganisation. Die darauffolgende Zahl 11 verweist auf die mehrheitlich deutschsprachige XI. Internationale Brigade (Thälmann-Brigade). Zuletzt folgt ein weiteres handschriftliches Zeichen, das ich nicht sicher entschlüsseln kann; sehr wahrscheinlich ist es aber eine römische Vier (IV), ein Hinweis auf die Zugehörigkeit zum vierten Bataillon dieser Brigade, dem Bataillon 12. Februar, das überwiegend aus Österreichern bestand. Weiterlesen

Lebenszeichen (1): Post aus Piaski

Vor mir liegt ein unscheinbares Stück Papier. Eine Postkarte, geschrieben am 21. September 1941 in Piaski, einer Kleinstadt im damals besetzten Polen, adressiert an die Bewohnerin eines Hamburger Altersheims. Für Philatelisten ist die Karte völlig uninteressant – keine seltene Frankatur, keine ungewöhnlichen Stempel. Der Sammlerwert der Postkarte (Katalognummer „Generalgouvernement P10“) beträgt zehn Euro, ein Briefmarkenhändler kann dafür allenfalls die Hälfte verlangen. Doch wer den schwer lesbaren Text entziffert und den historischen Kontext berücksichtigt, entdeckt ein zeitgeschichtlich bewegendes Zeugnis.

imageIm Juli 2010 verlegte der Künstler Gunter Demnig zwei von mir gestiftete Stolpersteine, die an die Berliner Jüdin Else Ellendmann und ihren Sohn Peter erinnern. Beide wohnten bis 1942 im Grünen Weg 15 in Berlin-Wannsee, keine 500 Meter entfernt von dem Haus, in dem ich heute lebe. Ich hatte bis dahin keinerlei persönlichen Bezug zur Familie Ellendmann, es war allein die geographische Nähe zum eigenen Lebensort, die mich veranlasste, die beiden Stolpersteine zu beauftragen. Im Internet hatte ich herausgefunden, dass die damals 27jährige Mutter und ihr vierjähriger Sohn am 28. März 1942 zusammen mit 983 anderen Berliner Juden und Jüdinnen ins Ghetto Piaski deportiert wurden. Der sogenannte „11. Berliner Judentransport“ erreichte sein Ziel am 30. März 1942. Das sind die letzten gesicherten Daten aus dem Leben von Else und Peter Ellendmann. Was danach mit ihr und ihrem Sohn passierte, ob sie den Eisenbahntransport überhaupt überlebten, ist unbekannt. Offiziell gelten beide heute – ohne Angabe eines genauen Todesdatums – als in Piaski ermordet. Weiterlesen