Lebenszeichen aus Belzyce (1): eine Postkarte von Erna Reich

Die hier vorgestellte Postkarte ist ein besonders eindrucksvolles Zeitdokument aus meiner Sammlung. Geschrieben wurde sie im November 1940 von der Stettiner Jüdin Erna Reich, die am 12./13. Februar 1940 aus ihrer Heimat in den Distrikt Lublin deportiert wurde. Die damals 56jährige Erna Reich war eine von 245 Deportierten von über 1.100 dieses Transportes, die in die Kleinstadt Belzyce gebracht wurde. Von dort schrieb sie offensichtlich regelmäßig Post an den Vorstand der jüdischen Gemeinde in Braunschweig. In der hier gezeigten Postkarte berichtet sie über den Ablauf einer jüdischen Beerdigung an ihrem Deportationsort.

Vorderseite der Postkarte von Erna Reich an die Jüdische Gemeinde Braunschweigs. Poststempel Belzyce über Lublin vom 20. November 1940. Es finden sich keine Hinweise auf deutsche Zensur.
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Der Tag, an dem ich Fan von Eintracht Frankfurt wurde

Am 8. Mai 1971 besuchte ich das erste Mal ein Bundesliga-Spiel. Ich war gerade sechs Jahre alt geworden und im Berliner Olympiastadion empfing der Tabellendritte Hertha BSC die abstiegsbedrohte Eintracht aus Frankfurt. Die Berliner drehten einen frühen Rückstand und siegten ungefährdet mit 6:2. Dennoch entschied ich mich an diesem 8. Mai 1971, so ungefähr gegen 17:00 Uhr, von nun an Fan von Eintracht Frankfurt zu sein.

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Lebenszeichen aus Piaski (3): Eine Postkarte von Herbert Finkelscherer

Im August 2019 konnte ich eine weitere Karte aus dem Ghetto Piaski erwerben, die von einem der am 12. Februar 1940 aus Stettin deportierten Juden geschrieben wurde. Verfasser ist Dr. Herbert Finkelscherer, der von 1938 bis 1940 Rabbiner der Stettiner Synagogengemeinschaft war. Die Postkarte wurde am 17. Dezember 1940 geschrieben, also rund zehn Monate nach der Deportation.

Postkarte Finkelscherer Piaski RS

Herbert Finkelscherer schreibt an Klara Ems:

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„Dank & Gruß !“ – Eine Postkarte von Arno Schmidt

Die einen verehren ihn hymnisch, die anderen halten ihn für überschätzt. Ich mag Arno Schmidt. Ich mag seine kauzige, arrogante, misanthropische Art. Ich gebe zu, es hat gedauert, bis ich mich eingelesen hatte. Ich brauchte Zeit, bis ich verstand, wie ich die Kolonnen von Satzzeichen lesen musste und mich nicht mehr von der eigenwilligen Orthographie irritieren ließ. Ich wurde Arno-Schmidt-Fan – und Sammler.

In den Achtziger und Neunziger Jahren waren die Erstausgaben Arno Schmidts sehr begehrt und sehr teuer – für mich meist unerschwinglich. An signierte Exemplare war nicht zu denken, wenn sie denn überhaupt angeboten wurden. Schließlich lebte Schmidt die längste Zeit seines Lebens zurückgezogen im niedersächsischen Bargfeld, einem Dorf mit auch heute weniger als 200 Einwohnern. Besucher empfing er kaum, öffentliche Lesungen fanden nur wenige statt. Weiterlesen

Internationale Brigaden: ein Brief eines der ersten Kämpfer

Ein außergewöhnliches Stück meiner Sammlung zu den Internationalen Brigaden ist ein Brief von Martin Führer, der als einer der ersten internationalen Antifaschisten nach dem Putsch Francos am 18. Juli 1936 an der Seite der Bürgermilizen sowie der loyalen spanischen Armee kämpfte. Möglicherweise hielt sich Martin Führer am 18. Juli 1936 als Teilnehmer der Volksolympiade in Barcelona auf oder er lebte bereits als politischer Emigrant in Spanien.

Eine der wenigen Aufnahme der Grupo Thaelmann aus den ersten Tagen des Spanischen Bürgerkriegs im Juli 1936. Ob Martin Führer einer der abgebildeten Kämpfer ist, ist nicht bekannt.

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Wie ich den Mauerfall in Berlin erlebte

Irgendwann in der zehnten Klasse musste mein Sohn J. als Hausaufgabe für den Deutschunterricht ein Interview schreiben: „Befrage jemanden aus Deiner Familie zu einem besonderen Erlebnis“. Wir einigten uns darauf über den Mauerfall zu sprechen, den ich als West-Berliner damals unmittelbar miterlebte. So musste ich mich noch einmal erinnern, was ich am 9. und 10. November 1989 in Berlin sah und tat. Das Gespräch wurde dann von uns beiden redaktionell geglättet und mein Sohn erhielt eine recht manierliche Zensur dafür. Bevor diese Schularbeit aber ganz in Vergessenheit gerät, scheint mir der 30. Jahrestag der Maueröffnung geeignet, unser Interview hier zu dokumentieren. 
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100 Raritäten (4): „Turngedichte“ von Joachim Ringelnatz

Joachim Ringelnatz hieß eigentlich Hans Bötticher. 1883 im sächsischen Wurzen als Sohn des Schriftstellers Georg Bötticher geboren zieht es ihn früh zur See. So bereist er nach Schule und Militärdienst ab 1901 bis 1903 als Schiffsjunge die Welt und lernt das raue Matrosenleben kennen – für den jungen Bötticher eine identitätsstiftende Erfahrung, der die deutschen Literatur die Figur des naiv-gutmütigen Seemanns Kuttel Daddeldu verdankt. Auf Grund seiner Sehschwäche muss Bötticher 1903 die Seefahrt aufgeben und verdingt sich in verschiedenen kaufmännischen Berufen. Doch es zieht ihn – der sich seit früher Jugend als Schriftsteller versucht – immer stärker zur künstlerischen Bohème in Berlin und München.

Joachim Ringelnatzens Turngedichte

Von Joachim Ringelnatz signiertes Exemplar der Turngedichte.

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Post aus dem Internierungslager St. Cyprien, Juli 1940.

Im April 2019 erwarb ich eine Postkarte aus dem südfranzösischen Camp de St. Cyprien, am 21. Juli 1940 in deutscher Sprache eng beschrieben von einem Franz Neumann („Ilot 2, Baraque i9“) und adressiert an Walther Eckstein in New York City. Frankiert mit Briefmarken der französischen Republik, die nur wenige Wochen zuvor, am 22. Juni 1940, vor der deutschen Wehrmacht kapituliert hatte.

franz neumann VS st. cyprien 1940 low res

Der zwanzigjährige Franz Neumann berichtet ausführlich über seine Lage, nachdem er im Mai 1940 aus dem von den Deutschen besetzten Belgien deportiert worden war.

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Lebenszeichen (2): Elsa Goldschmidt schreibt aus Piaski

In einem früheren Beitrag habe ich bereits einiges über das Transitghetto Piaski und die Deportation der Stettiner Juden im Februar 1940 geschrieben. Nun kann ich eine weitere Postkarte aus Piaski dokumentieren, die ich kürzlich erwerben konnte.

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Berlin im November 1938: „…und dann mußte er verreisen.“

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„… und dann musste er verreisen.“ Im Berliner November 1938 hieß das nichts anderes als Verhaftung.

Vor kurzem erwarb ich eine Postkarte, die am 17. November 1938 in Berlin verfasst und nach Jerusalem versandt wurde. Das Datum und der Wohnort des Empfängers lassen aufmerken. Denn acht Tage zuvor, am 9. November 1938, verwüstete ein organisierter Nazi-Mob überall in Deutschland jüdische Geschäfte und Wohnungen und zerstörte 1.400 Synagogen. Hunderte starben bei den Pogromen und über 30.000 Juden wurden in den Tagen danach verhaftet. Die Postkarte ist ein Zeugnis dieser Ereignisse, wenn man nur ein wenig zwischen den Zeilen liest. Weiterlesen