Lebenszeichen aus Belzyce (1): eine Postkarte von Erna Reich

Die hier vorgestellte Postkarte ist ein besonders eindrucksvolles Zeitdokument aus meiner Sammlung. Geschrieben wurde sie im November 1940 von der Stettiner Jüdin Erna Reich, die am 12./13. Februar 1940 aus ihrer Heimat in den Distrikt Lublin deportiert wurde. Die damals 56jährige Erna Reich war eine von 245 Deportierten von über 1.100 dieses Transportes, die in die Kleinstadt Belzyce gebracht wurde. Von dort schrieb sie offensichtlich regelmäßig Post an den Vorstand der jüdischen Gemeinde in Braunschweig. In der hier gezeigten Postkarte berichtet sie über den Ablauf einer jüdischen Beerdigung an ihrem Deportationsort.

Vorderseite der Postkarte von Erna Reich an die Jüdische Gemeinde Braunschweigs. Poststempel Belzyce über Lublin vom 20. November 1940. Es finden sich keine Hinweise auf deutsche Zensur.
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Lebenszeichen aus Piaski (3): Eine Postkarte von Herbert Finkelscherer

Im August 2019 konnte ich eine weitere Karte aus dem Ghetto Piaski erwerben, die von einem der am 12. Februar 1940 aus Stettin deportierten Juden geschrieben wurde. Verfasser ist Dr. Herbert Finkelscherer, der von 1938 bis 1940 Rabbiner der Stettiner Synagogengemeinschaft war. Die Postkarte wurde am 17. Dezember 1940 geschrieben, also rund zehn Monate nach der Deportation.

Postkarte Finkelscherer Piaski RS

Herbert Finkelscherer schreibt an Klara Ems:

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„Dank & Gruß !“ – Eine Postkarte von Arno Schmidt

Die einen verehren ihn hymnisch, die anderen halten ihn für überschätzt. Ich mag Arno Schmidt. Ich mag seine kauzige, arrogante, misanthropische Art. Ich gebe zu, es hat gedauert, bis ich mich eingelesen hatte. Ich brauchte Zeit, bis ich verstand, wie ich die Kolonnen von Satzzeichen lesen musste und mich nicht mehr von der eigenwilligen Orthographie irritieren ließ. Ich wurde Arno-Schmidt-Fan – und Sammler.

In den Achtziger und Neunziger Jahren waren die Erstausgaben Arno Schmidts sehr begehrt und sehr teuer – für mich meist unerschwinglich. An signierte Exemplare war nicht zu denken, wenn sie denn überhaupt angeboten wurden. Schließlich lebte Schmidt die längste Zeit seines Lebens zurückgezogen im niedersächsischen Bargfeld, einem Dorf mit auch heute weniger als 200 Einwohnern. Besucher empfing er kaum, öffentliche Lesungen fanden nur wenige statt. Weiterlesen

Internationale Brigaden: ein Brief eines der ersten Kämpfer

Ein außergewöhnliches Stück meiner Sammlung zu den Internationalen Brigaden ist ein Brief von Martin Führer, der als einer der ersten internationalen Antifaschisten nach dem Putsch Francos am 18. Juli 1936 an der Seite der Bürgermilizen sowie der loyalen spanischen Armee kämpfte. Möglicherweise hielt sich Martin Führer am 18. Juli 1936 als Teilnehmer der Volksolympiade in Barcelona auf oder er lebte bereits als politischer Emigrant in Spanien.

Eine der wenigen Aufnahme der Grupo Thaelmann aus den ersten Tagen des Spanischen Bürgerkriegs im Juli 1936. Ob Martin Führer einer der abgebildeten Kämpfer ist, ist nicht bekannt.

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100 Raritäten (4): „Turngedichte“ von Joachim Ringelnatz

Joachim Ringelnatz hieß eigentlich Hans Bötticher. 1883 im sächsischen Wurzen als Sohn des Schriftstellers Georg Bötticher geboren zieht es ihn früh zur See. So bereist er nach Schule und Militärdienst ab 1901 bis 1903 als Schiffsjunge die Welt und lernt das raue Matrosenleben kennen – für den jungen Bötticher eine identitätsstiftende Erfahrung, der die deutschen Literatur die Figur des naiv-gutmütigen Seemanns Kuttel Daddeldu verdankt. Auf Grund seiner Sehschwäche muss Bötticher 1903 die Seefahrt aufgeben und verdingt sich in verschiedenen kaufmännischen Berufen. Doch es zieht ihn – der sich seit früher Jugend als Schriftsteller versucht – immer stärker zur künstlerischen Bohème in Berlin und München.

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Von Joachim Ringelnatz signiertes Exemplar der Turngedichte.

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100 Raritäten (3): „Faserland“ von Christian Kracht

Vorgestern konnte ich endlich eine Lücke in meiner Sammlung schließen. Auf dem Trödelmarkt an der Straße des 17. Juni entdeckte ich ein sehr gut erhaltenes Exemplar der gebundenen Erstausgabe von Christian Krachts Faserland, erschienen 1995 im Verlag Kiepenheuer & Witsch. Und obwohl Krachts erster Roman eines der bekanntesten deutschsprachigen Bücher der Neunziger Jahre ist und mittlerweile sogar regelmäßig im Deutschunterricht gelesen wird, findet man die frühen Ausgaben kaum im Handel.

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Kühles, klares Design, auf die äußere Wirkung bedacht – die Cover-Gestaltung der Erstausgabe von Faserland weist auf das Seelenleben der Protagonisten hin.

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Post aus dem Internierungslager St. Cyprien, Juli 1940.

Im April 2019 erwarb ich eine Postkarte aus dem südfranzösischen Camp de St. Cyprien, am 21. Juli 1940 in deutscher Sprache eng beschrieben von einem Franz Neumann („Ilot 2, Baraque i9“) und adressiert an Walther Eckstein in New York City. Frankiert mit Briefmarken der französischen Republik, die nur wenige Wochen zuvor, am 22. Juni 1940, vor der deutschen Wehrmacht kapituliert hatte.

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Der zwanzigjährige Franz Neumann berichtet ausführlich über seine Lage, nachdem er im Mai 1940 aus dem von den Deutschen besetzten Belgien deportiert worden war.

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100 Raritäten (2): „Niederungen“ von Herta Müller

2009 erhielt Herta Müller den Nobelpreis für Literatur und wurde über Nacht weltberühmt. Die Autorin wuchs im diktatorisch regierten Rumänien Ceausescus auf und gehörte dort einer oppositionellen, deutschsprachigen Autorengruppe an. Nach Jahren der Repression verließ sie 1987 ihre Heimat und zog in den Westteil Berlins.

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Vorderer Umschlag der ersten Buchpublikation Herta Müllers, in deutscher Sprache erschienen 1982 noch in Rumänien.

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Mein neues Blog-Projekt: „100 Raritäten“ in 1000 Zeichen

Mir fehlt oft die Zeit, häufiger aber noch die Disziplin, einen angefangenen Blog-Beitrag zu Ende zu bringen. Andererseits twittere ich fleißig und für meine bisweilen etwas kauzigen Themen gar nicht einmal so erfolglos. Offensichtlich erleichtert mir die Zeichenbegrenzung bei Twitter das Schreiben – eine erleichternde Beschränkung also.

Daher also nun der Gedanke, mir für ein bestimmtes Thema – „Seltene und besondere Bücher aus meiner Sammlung“ – eine selbstgewählte Grenze zu setzen: 1000 Zeichen. In diesem Rahmen muss es mir gelingen, die Besonderheit eines Buches möglichst spannend zu vermitteln – insgesamt hundert Beiträge sollen so entstehen.

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Lebenszeichen (2): Elsa Goldschmidt schreibt aus Piaski

In einem früheren Beitrag habe ich bereits einiges über das Transitghetto Piaski und die Deportation der Stettiner Juden im Februar 1940 geschrieben. Nun kann ich eine weitere Postkarte aus Piaski dokumentieren, die ich kürzlich erwerben konnte.

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